01.04.2026 | Altglas? Das, aus dem Container?

Altglas sorgt bei vielen Menschen zunächst für Verwunderung. Für mich sind alte Objektive
jedoch eine spannende Möglichkeit, Fotografie einmal anders zu erleben.

Wenn ich erzähle, dass ich gerne mit Altglas fotografiere, kommt manchmal eine typische Reaktion: „Altglas? Das, aus dem Container?“ Ganz so ist es natürlich nicht. Mit Altglas meine ich alte Objektive – Fotolinsen, die oft viele Jahrzehnte alt sind und ursprünglich für analoge Kameras gebaut wurden. Das Fotografieren mit solchen Objektiven wird oft auch als Altglas-Fotografie bezeichnet.

Viele dieser Objektive stammen aus einer Zeit, in der Optiken anders konstruiert wurden als heute. Moderne Objektive sind technisch sehr perfekt: hohe Schärfe, starker Kontrast und möglichst wenige optische Fehler. Alte Objektive dagegen haben oft ihren eigenen Charakter.

Der besondere Look entsteht dabei nicht durch Bildbearbeitung, sondern direkt durch die Optik selbst.

Wie ich zur Altglas-Fotografie gekommen bin

Zur Altglas-Fotografie bin ich eher zufällig gekommen. Ein Freund aus der Bloggerszene betreibt einen experimentellen Fotoblog und zeigt dort regelmäßig Fotos, die mit alten Objektiven entstanden sind. Je mehr ich darüber gelesen habe, desto neugieriger wurde ich – also begann ich, mich selbst mit dem Thema zu beschäftigen.

Mein erstes Altglas war ein Domiplan 50 mm f/2.8. Schon bald folgten weitere Objektive, bis schließlich rund 60 alte Linsen in meinem Regal standen. Inzwischen habe ich meine Sammlung wieder reduziert und nutze heute noch etwa 25 bis 30 Altgläser.

Diese Objektive sind für mich kein Ersatz für moderne Optiken, sondern eine Ergänzung – eine Möglichkeit, mit unterschiedlichen Bildcharakteren zu experimentieren.

Warum mich Altglas so reizt

Altglas bedeutet für mich ein Stück „Back To The Roots“. Alte Objektive werden meist vollständig manuell bedient. Schärfe, Blende und Bildaufbau entstehen bewusst und Schritt für Schritt – man nimmt sich automatisch mehr Zeit für ein Motiv.

Mich reizt außerdem der typische Vintage-Look vieler alter Objektive – ein Bildcharakter, der sich deutlich von der technisch perfekten Darstellung moderner Optiken unterscheidet. Viele dieser Linsen erzeugen einen leichten Glow, ein besonderes Bokeh oder eine Farbwiedergabe, die oft etwas wärmer wirkt.

Ein paar typische Begriffe aus der Altglas-Fotografie:

  • Vintage-Look – Der typische Bildcharakter vieler alter Objektive mit weicheren Übergängen, leichtem Glow und oft etwas wärmeren Farben.
  • Glow – Eine leichte, fast leuchtende Weichzeichnung um helle Bereiche, die besonders bei offenen Blenden auftreten kann.
  • Bokeh – Die Darstellung der Unschärfe im Hintergrund. Viele Altgläser erzeugen dabei besondere Strukturen oder Formen.
  • Swirly Bokeh – Eine kreisförmige, wirbelartige Unschärfe im Hintergrund. Besonders bekannt ist dieser Effekt beim Helios-44-2.

Altglas in der Praxis

Altglas ist kein einheitlicher Stil. Jedes Objektiv bildet Motive auf seine eigene Weise ab. Genau das macht den Reiz für mich aus.

Schlüsselanhänger fotografiert mit Industar

Detailaufnahme mit dem Industar 50 mm f/2.8. Dieses Objektiv wirkt ruhig, klar und etwas technischer als viele andere Altgläser.

Objektiv: Industar
Brennweite: 50 mm
Lichtstärke: f/2.8
Charakter: Ruhige, klare Darstellung mit etwas höherem Kontrast

Skulptur fotografiert mit Oreston

Skulptur fotografiert mit dem Oreston 50 mm f/1.8 von Meyer-Optik Görlitz, bekannt für seine weichen Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe.

Objektiv: Oreston (Meyer-Optik Görlitz)
Brennweite: 50 mm
Lichtstärke: f/1.8
Besonderheit: Sehr weiche Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe

Engel-Figur fotografiert mit Helios-44-2

Engel-Figur fotografiert mit dem Helios-44-2 (58 mm f/2.0). Dieses Objektiv ist für seinen charakteristischen Bildlook und das sogenannte Swirly Bokeh bekannt.

Objektiv: Helios-44-2
Brennweite: 58 mm
Lichtstärke: f/2.0
Besonderheit: Bekannt für seinen charakteristischen Bildlook und das sogenannte Swirly Bokeh

Das bekannte Swirly Bokeh des Helios-44-2 ist in diesem Foto nicht sichtbar. Dieser Effekt tritt meist nur dann auf, wenn der Hintergrund viele Strukturen enthält und genügend Abstand zum Motiv besteht.


Tulpe fotografiert mit dem Projektor-Objektiv Ennagon 85 mm f/2.8

Tulpe fotografiert mit dem Ennagon 85 mm f/2.8, einem ehemaligen Projektor-Objektiv. Solche Linsen erzeugen oft eine sehr weiche, fast malerische Bildwirkung.

Objektiv: Ennagon (Enna München)
Brennweite: 85 mm
Lichtstärke: f/2.8
Typ: Projektor-Objektiv mit sehr weicher, fast malerischer Bildwirkung

Tulpe fotografiert mit Helios-44M-4

Tulpe fotografiert mit dem Helios-44M-4 (58 mm f/2.0). Diese Version wirkt etwas klarer und kontrastreicher als andere Helios-Varianten.

Objektiv: Helios-44M-4
Brennweite: 58 mm
Lichtstärke: f/2.0
Charakter: Diese Version gilt generell als etwas klarer und kontrastreicher als andere Helios-Varianten. Der tatsächliche Bildeindruck hängt jedoch stark von Licht, Abstand und der jeweiligen Aufnahmesituation ab.

Die Fotos wurden in Lightroom nur sehr zurückhaltend bearbeitet. Neben einem leichten Beschnitt und der Ausrichtung habe ich lediglich minimale Tonwertkorrekturen vorgenommen. Auf starke Eingriffe wie Klarheit, Struktur oder künstliche Schärfung habe ich bewusst verzichtet. Der Bildcharakter entsteht somit direkt durch die Optik der jeweiligen Objektive.

Projektor-Objektive

Neben klassischen Foto-Objektiven fotografiere ich auch mit Projektor-Objektiven. Diese stammen ursprünglich aus Projektoren und werden aus den Geräten ausgebaut.

Damit sie an einer Kamera verwendet werden können, werden sie meist in einen Tubus aus dem 3D-Drucker eingesetzt. Häufig kommt ein zweiter Tubus hinzu, der als Fokussierungseinheit dient.

Viele meiner Projektor-Objektive besitzen inzwischen einen Adapter für Canon EOS und lassen sich dadurch relativ unkompliziert an meinen Canon Kameras verwenden.

Charakter statt Perfektion

Viele Altgläser gelten aus technischer Sicht als unperfekt. Genau diese kleinen Eigenheiten verleihen den Fotos jedoch ihren besonderen Charakter.

Für mich ist Altglas deshalb keine Alternative zu modernen Objektiven, sondern eine Erweiterung der fotografischen Möglichkeiten.

Ein Blick zurück – und gleichzeitig nach vorn'

Altglas bedeutet für mich nicht, in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, Fotografie bewusster zu erleben und mit unterschiedlichen Bildcharakteren zu experimentieren.

Manchmal lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen – zu älteren Objektiven, manueller Bedienung und einem etwas langsameren Fotografieren.

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